Teil 2 - Was ist Gender Medizin?

25.04.2018
shutterstock_216369241.jpg

Männer und Frauen: Biologische Unterschiede

Der interdisziplinäre, wissenschaftliche Zugang der Gendermedizin erforscht biologische und psychosoziale Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen, die sowohl das Gesundheitsbewusstsein als auch die Entstehung und Wahrnehmung von, wie auch den Umgang mit Krankheiten betreffen. Die Gendermedizin rekurriert dabei auf das „bio-psycho-soziale Gesundheits-Modell“.

Was bedeutet das? Untersucht werden einerseits die Unterschiede der normalen, menschlichen Biologie zwischen Männern und Frauen; andererseits, wie die Symptome, Mechanismen und die Behandlung von Krankheiten in Abhängigkeit vom sozialen Geschlecht variieren.

Evolutionsbiologisch hat sich die physiologische Verschiedenartigkeit weiterentwickelt und über die Zeit verfestigt, um so die beste Überlebensstrategie zu ermöglichen: Die biologische Basis bilden Unterschiede in den Genen, den Geschlechtschromosomen, den Sexualhormonen. Infolge zeigen sich diese in der Anatomie, den Geschlechtsorganen, aber auch in allen Organsystemen und Zellen.

Welche körperlichen Unterschiede bestehen zwischen Männern und Frauen?

Bereits im Mutterleib reagieren männliche und weibliche Embryos geschlechtsspezifisch. Die Epigenetik, also die fetale Programmierung durch Umweltfaktoren, Stress, Nikotin, Alkohol etc. hat auf sie unterschiedliche Auswirkungen. Ein Beispiel: Raucht die Mutter während der Schwangerschaft, ist das Risiko für Bluthochdruck bei Buben deutlich größer als bei Mädchen. Bei Schwangerschaftsdiabetes haben Buben ebenfalls ein höheres Risiko, an Diabetes zu erkranken, dafür neigen die Töchter eher zu Übergewicht.

Frauen vs. Männer

Die körperlichen Unterschiede auf einen Blick:

  • Frauen sind meistens kleiner, ihr Body-Mass-Index (BMI) ist niedriger
  • geringere Organgröße
  • mehr Körperfett (schon neugeborene Mädchen weisen im Vergleich mit ihren männlichen Altersgenossen einen höheren Anteil an Körperfett auf)
  • weniger Muskelanteil
  • weniger Magensäure
  • langsamere Filterarbeit der Niere
  • weniger Körperwasser (unterliegt zyklusabhängigen Schwankungen)
  • Unterschiede in der Leberenzym-Aktivität (typisches Beispiel: Alkohol wirkt bei Frauen anders als bei Männern)
  • Sexualhormone

All das hat Auswirkungen – zum Beispiel darauf, wie Arzneimittel wirken. Denn diese sind entweder wasser- oder fettlöslich, sie werden über Niere oder Leber abgebaut und somit von Frauen und Männern unterschiedlich verstoffwechselt. Der Stoffwechsel wiederum beeinflusst Wirkung und Nebenwirkung.

 

Unterschiede in Stoffwechsel und Energiehaushalt

Der weibliche Stoffwechsel arbeitet anders:

  • Frauen verbrauchen weniger Energie (Grundumsatz), da sie weniger Muskeln haben. Das bedeutet: Wenn ein Mann und eine Frau etwa gleich groß, gleich schwer, gleich alt sind und das gleiche essen, wird die Frau stärker zunehmen als der Mann.
  • weniger Leberfett
  • weniger Bauchfett, daher weniger Risiko für Krankheiten, die mit Bauchfett zusammenhängen
  • Mehr günstige Fettgewebshormone: Frauen haben mehr günstiges Fett an Hüfte und Beinen – das schützt vor Diabetes und Herzkreislauferkrankungen.
  • bessere Insulinempfindlichkeit
  • niedrigerer Nüchternblutzucker
  • Die Magenresorbtion von Glukose ist bei Frauen langsamer. Bei einem Zuckerbelastungstest weisen Frauen zwei Stunden nach einer 75-Gramm-Zuckerbelastung höhere Blutzuckerwerte auf.
  • stärkere Aktivierung der Stress-Achse (Hirn-Nebennieren-Achse)

 

Unterschiede in den Sexualhormonen

Ab dem Einsetzen der Menstruation in der Pubertät entwickeln sich die Hormone im weiblichen Körper zyklusabhängig. Das hat Folgen: Verschiedene Medikamente können zyklusabhängig unterschiedlich wirken, Astmaanfälle können zyklusabhängig unterschiedlich häufig auftreten.

Mit der Menopause findet eine neuerliche Veränderung im Stoffwechsel statt. Im Vergleich zu prämenopausalen Frauen zeigen postmenopausal gesunde Frauen einen schlechteren Glukose- und Fettstoffwechsel, höheren Blutdruck und eine Umverteilung des Körperfetts (auf eine männlichere Form).

Bei gesunden Männern sind in diesem Alter (50 plus) die Stoffwechselveränderungen geringer.

Soziale Faktoren (Gender)

Krankheiten sind geschlecht- und lebenszyklusabhängig. Frauen sind empfindlicher für psychosozialen Stress. Ihr metabolisches Risiko wird durch folgende psychosoziale Risikofaktoren negativ beeinflusst:

  • Schlafmangel
  • Schichtarbeit
  • Arbeitsstress (hohe Belastung, wenig Gestaltungsmöglichkeit)
  • niedriger Bildungsstand
  • niedriger sozioökonomischer Status

Lebenserwartung

Frauen leben länger, aber der Verlust an gesunden Lebensjahren (gerechnet auf die Gesamtlebensdauer) ist bei Frauen höher. Im Gegensatz dazu leben Männer kürzer, jedoch nur zu geringem Teil aufgrund biologischer Faktoren. Hier spielt der Lebensstil eine entscheidende Rolle – Alkohol, Rauchen, aber auch andere Berufe und höhere Risikobereitschaft.

Unterschiede im Gesundheitsverhalten

  • Frauen nehmen häufiger an Vorsorgeuntersuchungen teil und haben insgesamt mehr medizinische Konsultationen. Dass sie trotzdem weniger gesunde Lebensjahre haben, nährt die Vermutung, dass die Behandlung – orientiert am männlichen Modell – nicht optimal ist.
  • Männer schätzen „Bewegung“ eher als gesundheitsfördernd ein, während Ernährung im Gesundheitskonzept von Frauen eine zentrale Rolle spielt. Es ist daher wichtig, Frauen von Kindheit an mehr Freude an der Bewegung vermitteln.
  • Frauen haben eine geringere tägliche Schrittzahl, unabhängig von Alter und Gewicht. (10.000 sind empfohlen…)
  • Rauchen und Alkohol WAREN männlich dominiert und sind NOCH für einen wesentlichen Teil des Gender-Gaps in der Lebenserwartung verantwortlich. Hier findet gerade ein Wandel statt.
  • Stress durch Mehrfachbelastung, Job und Familie oder als Alleinerziehende betrifft vor allem Frauen.
  • Pflege ist weiblich: 80% aller Pflegeberufe werden von Frauen ausgeführt, das gilt auch für Pflegetätigkeiten innerhalb der Familie.

 

Rauchen und Frauen

Selbst wenn Frauen weniger rauchen, hat das Rauchen bei ihnen stärkere negative Effekte als bei Männern. Zudem rauchen Frauen anders und aus anderen Gründen, etwa aus Stress und zur Gewichtskontrolle. Männer haben weniger Schwierigkeiten, wieder aufzuhören.

Rauchen führt bei Frauen zu einem erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen:

  • Herzinfarkt/Schlaganfall (25% höher als bei Männern)
  • Osteoporose, Probleme in der Schwangerschaft
  • Krebs

+++ Lesen Sie in Teil 3: Welche Gendermedizinischen Ansätze gibt es in der Medizin? +++

Die Autorin Frau Prof. Dr. med. Alexandra Kautzky-Willer, MedUni Wien ist die wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Gendermedizin in Gars am Kamp, einer Gesundheitseinrichtung der VAMED in Kooperation mit der MedUni Wien.

 

Institut für Gender Medizin

Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer Institut für Gender Medizin

Julius Kiennast-Strasse 79 3571 Gars am Kamp
E-Mail